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Beiträge

Buchrechte bei amazon

So nicht, amazon!

Auf dem 4. ver.di-Bundeskongress 20.-27. September 2015 in Leipzig sprach in der Debatte auch Kollegin Gerlinde Schermer-Rauwolf, Vertreterin des VS auf dem Kongress.

Im Zusammenhang mit der Diskussion zum Antrag »Gute Arbeit und gute Dienstleistungen in der digitalen Welt« und den ver.di-Aktivitäten zum amazon-Konzern führte sie aus:

Sch.-R. Gerlinde Schermer-Rauwolf

Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Guten Morgen! Ich bin Literaturübersetzerin und vom Verband deutscher Schriftsteller und wollte aus diesem Blickwinkel noch etwas zu Amazon sagen, was in diesem Antrag auch angerissen worden ist.

20 Jahre Amazon. Der Konzern ist mal als Buchverkäufer gestartet mit einer halben Millionen Dollar Umsatz. Inzwischen macht er fast 90 Milliarden Umsatz und verkauft längst nicht mehr einfach nur Waren, sondern schafft auch neue, die es zuvor so nie gegeben hat, indem er Kunden ausspioniert und passende Produkte entwickelt werden. Das ist nicht nur bei Waren so, sondern auch beim Content, beim Inhalt von Medien und Büchern.

Wie funktioniert das? Im Buchbereich läuft das so: Amazon verkauft seit 2009 mehr e-Books, also digitale Bücher, als gedruckte. Es gibt seit einem Jahr ein Abo-Modell zur Ausleihe. Liest man diese Bücher nun auf dem Amazon-eigenen Lesegerät Kindle, das man dazu braucht, dann wird nicht nur genau erfasst, was jemand liest, sondern auch wann jemand liest, was besonders lange gelesen wird, was markiert und mit Lesezeichen versehen wird und an welcher Stelle man das Buch aus der Hand legt. Manchmal wird es sogar im Nachhinein verändert. Das gab es zum Beispiel bei politisch unkorrekten Begriffen. Es wurden auch schon Bücher gelöscht, weil Amazon gar nicht die Rechte daran hatte, unter anderem ausgerechnet das Buch »1984« von Orwell.

Dieses Verhalten von Amazon ist eine klare Big-Brother-Strategie, eine eklatante Verletzung des Datenschutzes. Die genaue Erfassung des Leseverhaltens dient eben nicht nur dem Service, zur Werbung, sondern es gab auch bisher schon auf Grundlage dieser Auswertung des Leseverhaltens Empfehlungen für Autorinnen und Autoren, die bei Amazon selbst verlegt wurden – die sind auch ein Verlag – oder Amazon als Plattform genutzt haben. Da gab es dann Listen mit Überschriften, wie »Was bisher gern gelesen wurde«, »Was man als Autor vermeiden sollte« et cetera.

Inzwischen geht es aber nicht mehr nur noch ums Messen, sondern ums Bezahlen. Autoren von allen Büchern, die auf dem Kindle gelesen werden, sollen nach den tatsächlich gelesenen Seiten bezahlt werden.

Kolleginnen und Kollegen,
das verändert das Schreiben; das läuft auf eine permanente Spannungs-Hochdruck-Erzähltechnik hinaus. Originalität und Vielfalt gehen so verloren. Nicht marktgängige Literatur hat kaum noch eine Chance, insbesondere dann, wenn wegen Amazon weiterhin engagierte Buchhandlungen vor Ort schließen müssen zugunsten von Produkten, die gern genommen werden; denn Amazon ist nur am Umsatz orientiert, nicht am Buch als Buch, nicht am Buch als Kulturgut.

Amazon als Global Player und digitale Großmacht stand bei uns aber schon vorher in der Kritik; denn der Konzern wählt nicht nur als Steuerzahler das günstigste Modell in Luxemburg, sondern auch als Rechteverwerter das US-amerikanische Copyright. Dabei müssen Urheber, also Autoren und Übersetzerinnen und Übersetzer, im Gegensatz zu unserem kontinentaleuropäischen Urheberrecht, dem Verwerter alle Rechte abtreten, meist per Buyout-Vertrag mit Pauschalzahlung.

Im vergangenen Jahr hat Amazon im Streit mit großen Konzernverlagen die Autoren quasi in Geiselhaft genommen. Beim Streit um Konditionen mit zwei großen internationalen Verlagsgruppen wurden diese Titel nur noch mit Verzögerung ausgeliefert und aus den angeblich neutralen Empfehlungslisten gestrichen.

»So nicht, Amazon!« sagten innerhalb kürzester Zeit nicht nur der amerikanische Autorenverband, sondern auch über 2.000 deutschsprachige Autorinnen und Autoren und forderten in einem Offenen Brief einen fairen Buchmarkt.

Auch die Aktionen und Streiks unserer Kolleginnen und Kollegen bei Amazon für faire Arbeitsbedingungen und einen Tarifvertrag unterstützten wir, zuletzt bei der Buchmesse hier in Leipzig.

Wir versprechen: Der gemeinsame Kampf geht weiter: für faire Arbeitsbedingungen bei Amazon, gegen die Ausspionierung von Lesern, Kunden und von uns Autorinnen und Autoren mit Veranstaltungen auf der Buchmesse in Frankfurt und gemeinsam mit dem Börsenverein. Auch der weiß, dass das Monopol von Amazon gebrochen werden muss. – Danke. (Beifall)

aus: Tagungsprotokoll 4. ver.di-Bundeskongress,
24. September 2015, Seite 18 ff