Der Hoch2-Faktor

"Was ist bloß mit mir los?" ist oftmals die schmerzhafte Ausgangsfrage, die sich viele stellen, wenn sie im Leben immer wieder anecken, nicht ihren Lebensfluss oder Lebensweg finden. Sobald der Begriff Hochsensibilität auftaucht, keimt häufig Erleichterung und Verständnis auf.

Manchen Betreffenden geht es ebenso mit dem Phänomen der Hochbegabung, allerdings wirkt hier unser gesellschaftliches Bild vom intellektuellen Überflieger meist erdrückend und verfälschend. Vorstellungen wie "Ich? Hochbegabt? Niemals!"  können dann die weitere Selbstentfaltung beeinträchtigen.

Es mehren sich in den letzten Jahren die Hinweise, dass diese beiden Themen mehr miteinander gemein zu haben scheinen, als bisher angenommen. Noch fehlen noch stichhaltige und verifizierbare Messergebnisse, aber über Befragungen, Interviews und Beobachtungen verschiedener Spezialisten aus den jeweiligen Gebieten wird nach und nach die ineinandergreifende Verbindung dieser Veranlagungen deutlich. Aber was ist hier eigentlich was?

Hochsensibilität (HS)

Hochbegabung (HB)

Hochsensibel UND hochbegabt - Hoch2?

Hilfreiche Literatur

Hochsensibilität ist die neuronale Veranlagung zu einem deutlich erhöhten Reizwahrnehmungs und -verarbeitungsvermögen. Sie ist keine Krankheit oder Störung und lässt sich auch nicht "abstellen". Hochsensibilität betrifft ca. 15-20% aller Lebenwesen. Menschen mit dieser Disposition nehmen, i.d.R. unbewusst, sehr viel mehr sensorische Informationen aus ihrer Umwelt und ihrem eigenen Körper wahr. Dies betrifft alle Sinne, wenn auch nicht alle gleichermaßen stark ausgeprägt sein müssen. Hochsensibilität beeinflusst sämtliche Lebensbereiche und hat daher auch tiefgreifende Auswirkungen in allen Lebenslagen. So wirkt Licht möglicherweise greller, das Temperaturempfinden ist empfindlicher, Farben, Emotionen, Stimmungen oder Klänge werden feiner und intensiver wahrgenommen, je nach Hochsensibilitäts-Typ. Zusätzlich werden bei Hochsensiblen die reichhaltig aufgenommen Informationen vom System intensiver verarbeitet als bei Normal-Sensible.

Forschung:

Das Wissen um Hochsensibilität ist in Deutschland noch relativ neu.
Mitte der 1990ger hat Elaine N. Aron, klinische Psychologin und Psychotherapeutin aus den USA, dieses Phänomen (wieder-)entdeckt und ihm den Namen "Hochsensibilität" (HS), bzw "hochsensible Person" (HSP) gegeben. Mittlerweile forscht Dr. Sandra Konrad, Psychologin an der Professur für Persönlichkeitspsychologie und psychologische Diagnostik an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg. Seit 2013 führt sie unterschiedliche Untersuchungen, Befragungen und ein Eye-Tracking-Verfahren durch. In den nächsten Jahren können wir vermutlich auf interessante Ergebnisse gespannt sein. Wer an den weiterhin geschalteten und stets erweiterten online-Umfragen teilnehmen möchte, kann dies unter diesem Link hier tun.

Hochsensibilität oder Hochsensitivität?

Beide Begriffen werden im deutschsprachigen Raum genutzt und da sie teils mit unterschiedlichen Inhalten belegt werden, besteht die Gefahr, dass dies leider eher für Verwirrung als für Aufklärung sorgen kann. Ich nutze daher i.d.R. den Begriff Hochsensibilität, da er sich für das beschriebene Phänomen inzwischen eingebürgert hat, oder ich verwende beide Begriffe synonym.

Woran erkenne ich HS?

Wie jede Veranlagung oder jedes "Talent", braucht auch die Hochsensibilität einen förderlichen und stärkenden Lebensrahmen, um sich optimal entfalten zu können. Daher bedürfen hochsensible Menschen einer ihnen entsprechenden Lebensweise. Wie diese aussehen sollte, hängt von den individuellen Bedürfnissen, Fähigkeiten, Visionen und Grenzen ab.

Hier einige Merkmale, die aus dem Wesen der Hochsensibilität entspringen:

  • Detaillierte Wahrnehmung
  • Erhöhtes Ruhebedürfnis (um Wahrgenommenes zu verarbeiten)
  • Vernetztes Denken
  • Reges Innenleben und Fantasie
  • Hohe Empfindsamkeit und Empathie
  • Großes Harmoniebedürfnis
  • Starke Neigung zu Perfektionismus (dort, wo es für die betreffende Person Sinn macht)
  • Meist sehr kreativ
  • Vielseitige Interessen
  • Häufig ziemlich bis sehr intelligent

Leider sind die Lebensumstände nicht immer so, dass sich eine Hochsensibilität uneingeschränkt entfalten kann. Wenn es, häufig bereits früh im Leben eines feinfühligen Menschen, zu Beeinträchtigungen und Mißachtung der speziellen Lebensart kommt, entwickeln sich weitere, typische Merkmale:

  • Schnelle, manchmal auch chronische Erschöpfung
  • Neigung zu rascher Überreizung (auf allen Sinnesebenen möglich)
  • Häufig stark ausgeprägte Selbstunsicherheit
  • Neigung zu verstärktem Rückzug
  • Neigung zu Ängsten und u.U. Phobien
  • Scheinbar geringer belastbar, wenig stressresistent
  • Probleme in Teams (zuviele Menschen = Informationen auf engem Raum)
  • Mögen Veränderungen meist nicht, bzw. benötigen "Vorwärmzeit"
  • Arbeiten schlechter unter Druck von außen (haben selbst genügend inneren Druck = Perfektion)

Dies sind nur einige Wesenszüge und nicht jeder dieser "Charakterzüge" trifft auch auf jeden Hochsensiblen zu. Wenn Du spürst, dass Dich manche Deiner feinfühligen Eigenheiten und Wesenszüge im Leben belasten, kann es sinnvoll sein, sich professionelle Hilfe bei einer HSP-Beratung oder -Coaching zu nehmen.

Das Annehmen der eigenen Veranlagung ist in etwa so, als wenn Du über Jahre hinweg zu kleine Kleidergrößen getragen hast und nun erkennst, dass Du eigentlich größere Größen benötigst. Sobald Du die passenden Hemden, Kleider oder Hosen trägst, spürst Du, dass das Leben wieder leichter und entspannter wird.

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Hochbegabung ist eine weit über dem Durchschnitt liegende intellektuelle und künstlerische Begabung - so die klassische Definition. Gemessen wird die Intelligenz anhand verschiedener Tests. Allerdings kann es vorkommen, dass ein Mensch bei dem einen Test ein positives, bei einem anderen Test jedoch ein negatives Ergebnis erhält. Dies liegt daran, dass die Tests untereinander nicht zwingend korrelieren. Auch gibt es Unterschiede zwischen den in verschiedenen Länder verwendeten Tests. In Deutschland werden IQ-Tests von Psychologen (auch für Kinder) oder bei Mensa e.V. durchgeführt. Achte beim Test darauf, dass verschiedene Testverfahren verwendet werden, damit im Test die unterschiedlichen Kompetenzbereiche erfasst werden.

Neben der sehr engen Definition von Hochbegabung gibt es zunehmend mehr Strömungen, die eine Hochbegabung nicht nur im intellektuellen, sprachlichen oder künstlerischen Bereich sehen, sondern auch in der Sozial- oder Handlungskompetenz. Somit würden deutlich mehr Menschen in das Blickfeld einer möglichen Hochbegabung gelangen als die bislang ca. 2,5% diagnostizierter Hochbegabter.

Ein weiterer Aspekt, der den Prozentsatz noch weiter erhöhen würde ist die Tatsache, dass viele hochgebagte Menschen gar nicht erst erkannt, und somit auch nicht erfasst und ggf. getestet werden. Dies kann einerseits daran liegen, dass der Test selbst nicht zur Person passt (s.o.) oder dass, wie A. Brackmann es in ihrem Buch "Jenseits der Norm ..." beschreibt, das Testverfahren linear aufgebaut ist. Das bedeutet, es wird vom Leichten zum Schweren hin getestet. Aber gerade hochintelligente Kinder sind bei den ersten leichten Aufgaben u.U. schon derart gelangweilt, dass sie "abschalten" und den test verweigern. Mir haben auch einige Eltern von ihren Kindern erzählt, die sich verweigerten, weil sie die Testperson nicht mochten oder als "unehrlich" empfanden.

Merkmale:

Der häufigste Grund jedoch, warum eine Hochbegabung nicht erkannt wird, ist, dass Eltern oder pädagogisch-psychologische Fachkräfte zu wenig darin geschult sind, die typischen Merkmale zu erkennen. Hier einige Anzeichen einer Hochbegabung:

  • Kind beginnt sehr früh zu sprechen
  • hat eine ausgewählte Ausdrucksform, auch bereits in sehr frühen Jahren
  • beginnt früh, sich Wissen anzueignen (Lesen, Schreiben, Rechnen)
  • stellt früh tiefgreifende Fragen oder macht entsprechende Bemerkungen
  • ist schnell gelangweilt, will schnell und öfter neue Spiele/Aufgaben/Herausforderungen (Kita, Schule)
  • sucht sich häufig ältere und nur wenige Spielpartner bzw. Freunde
  • kann sich gut in eine Aufgabe vertiefen - wenn sie das eigene Interesse anspricht!
  • Häufig gute Schulnoten - aber nicht immer, nicht in jedem Fach und nicht zwingend! Es gibt auch die kompletten Schulverweigerer.
  • Sehr perfektionistisch - wo es im eigenen Werteempfinden Sinn macht

 

Die Sensorik Hochbegabter:

Nicht nur von AD(H)S-Kindern und Asperger-Autisten ist bekannt, dass sie über ein reizoffenes neuronales Filtersystem verfügen, sondern auch von Hochbegabten. Was bedeutet dies? Letztlich vermutlich nichts anderes, als es das Konstrukt der Hochsensibilität mit all seinen Vor- und Nachteilen der Veranlagung beschreibt. Denn die Hochsensibilität ist das Phänomen des reizoffenen Filtersystems!

Zwei große Fragen, die es in diesem Zusammenhang wissenschaftlich zu klären gälte, lauten daher: Ist jeder Hochbegabte automatisch auch hochsensibel? Und ist jeder Hochsensible automatisch hochbegabt? Derzeit bleibt die Beantwortung den Erfahrungen und Beobachtungen der Betroffenen und der Fachkräfte überlassen, was in meinen Augen durchaus hilfreich sein kann.

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Hochsensibel UND Hochbegabt?

Merkmale beider Veranlagungen:

All jene Merkmale, die bereits unter HB aufgelistet sind und diese weiteren:

  • Vernetztes Denken und Handeln
  • Guter Überblick, Vorausschau, erfassen von Strukturen und Zusammenhängen
  • Plötzliche, schnelle Überreizung
  • Schnelle Erschöpfung
  • Nehmen oftmals eine Außenseiterrolle ein, fühlen sich selbst oft isoliert
  • Großer Gerechtigkeitssinn
  • Hoher Perfektionsanspruch
  • Arbeiten schlecht unter externen Druck (Klassenarbeiten, Prüfungen, Vorstellungsgespräche etc.)
  • Mögen Veränderungen nicht bzw. benötigen "Vorwärmzeit"
  • Mögen keinen Small Talk
  • Setzen sich lieber verbal als körperlich auseinander
  • u.v.m.

Anpassung!?

Anpassung ist es evolutionäres Programm, das jeder Lebensart auf dieser Erde das Überleben sichert. Muss sich das Tier, die Pflanze, der Mensch jedoch dauerhaft an widrige, d.h. unpassende Umstände anpassen, entstehen Schiefstellungen, körperlicher als auch psychischer Natur. Hochbegabte wie auch Hochsensible passen sich häufig über Gebühr an, in der Hoffnung, die erlebte Ablehnung (Nicht-Erkannt-werden) damit zu beenden - langfristig leider ein schmerzhaftes und frustrierendes Unterfangen! Mehr zu diesem Thema und Hinweise, wie Du einer solchen Anpassungs-Schieflage begegnen kannst, kannst Du in meinem Buch "Hurra, ich bin hochsensibel! Und nun?" nachlesen.

Wer bin ich und wenn ja, wie genau?

Ein Nicht-Erkennen der vorhandenen Veranlagung, Hochbegabung wie Hochsensibilität gleichermaßen, kann bei dem Betreffenden zu tiefen und lebenslangen Problemen führen. Das macht der amerikanische Psychologe James T. Webb bereits mit dem ersten Satz seines Buches "Doppeldiagnosen und Fehldiagnosen bei Hochbegabung" deutlich: "Dieses Buch beschreibt eine moderne Tragödie." Erst allmählich werden die schmerzlichen Lebensläufe all jener sichtbar, die über Jahrzehnte darunter litten, in ihrem Wesen nicht erkannt, nicht anerkannt worden zu sein. Verwechslungen mit AD(H)S, Wahrnehmungs- oder Konzentrationsstörungen sind daher nicht selten, wie Webb in seinem Buch aufschlüsselt.

Was hilft aus diesem Dilemma? Selbsterkennis, Selbstverständnis, Selbstannahme und das tiefere Verstehen der Wesensart, ggf. beider Veranlagungen. Vieles kann auf diesem Weg unterstützend sein: gute Freunde, aber auch professioneller Rat; viel Ruhe, aber auch Aktivitäten, die Du schon immer mal (wieder) machen wolltest; Kontakt zu Gleichartigen, aber auch die Wahl des richtigen oder gar neuen Berufs oder Arbeitsplatz'. Die Lösungen sind so vielfältig wie auch wir Menschen. Nur eine Überlegung sollte immer an oberster Stelle stehen: Tut es mir gut, ohne andere (wissentlich) zu verletzen? Wenn nein, dann lasse es. Wenn ja, dann mache es!

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Hilfreiche Literatur

Hier sind einige Bücher aufgelistet, die unter dem Aspekt der Verbindung beider Veranlagungen interessant sind. Weitere Literatur zum Thema Hochsensibilität findest Du unter dem Menüpunkt Links.

  • Brackmann, Andrea "Jenseits der Norm - hochbegabt und hoch sensibel?"
  • Miller, Alice "Das Drama des begabten Kindes - und die Suche nach dem wahren Selbst"
  • vom Scheidt, Jürgen "Das Drama der Hochbegabten - Zwischen Genie und Leistungsverweigerung"
  • Schwiebert, Andrea "Kluge Köpfe, krumme Wege?"
  • Webb, James T. "Doppeldiagnosen und Fehldiagnosen bei Hochbegabung"