Cordula Roemer - persönliche Beratung

Anmerkungen zum HSP-Beitrag vom RBB (TV) 5.10.11

Ich habe mich sehr gefreut, dass der RBB das Thema Hochsensibilität in Form eines Kurzbeitrags am 5.10.2011 aufgegriffen hat. Hierfür meinen herzlichen Dank!!

 

Zu zwei Punkten des Studiogesprächs mit Fr. Prof. Heuser von der Charité möchte ich etwas anmerken:

1) Auf die Frage ob die Empfindsamkeit Hochsensibler heute immer noch so abgetan werde (Mimose u.ä.) meinte sie, 'dies sei nicht der Fall. Wenn jemand hochsensibel ist, würde er eher positiver wahrgenommen werden, weil es in unserer Gesellschaft heute für wichtig erachtet wird, dass man empathisch, einfühlsam, eben sensibel ist.' 

Dieser hehre Anspruch, Sensibilität als etwas Positives anzuerkennen, mag vielleicht auf dem Papier stehen, die Realität jedoch ist bis heute leider meilenweit davon entfernt. Wie kommt es sonst zu den, in den letzten Jahrzehnten dermaßen rapide steigenden Zahlen von Depressionen, BurnOut ...? Eine "sensible Gesellschaft" würde die auslösenden Probleme frühzeitig erkennen und entsprechende Abhilfe schaffen. Dass dies leider nicht der Regelfall ist, erleben Hochsensible tagtäglich am eigenen Leib. Eine materialistisch ausgerichtete Gesellschaft wird zudem auch kaum in der Lage sein, sensible Lebensweisen umfassend zu integrieren, da ihr Augenmerk nicht in diese Richtung blickt. Positive Ausnahmen gibt es natürlich, aber noch sind diese Stimmen zu leise, um die generelle - sprich gesellschaftliche - Stimmung tiefgreifend zu beeinflussen. Aber wir sind dabei ...

 

2) Auf die Frage, was das unmittelbare Umfeld tun kann, plädierte Fr. Prof Heuser dafür, 'dass nicht das Umfeld, sondern sich der hochsensible Mensch gemäß seiner Veranlagung verändert und sich den entsprechenden Freiraum nehmen sollte. Die Umwelt soll ganz normal reagieren.'

Ich stimme Fr. Prof. Heuser in dem Punkt voll zu, dass sich der betroffene Mensch um seine eigene Hochsensibilität "kümmern" sollte / muss, um zu einem ausgeglichenen Leben zu finden. Aber das ist m.E. nur die eine Hälfte der Medaillie. Wie soll ein HSP sich Freiräume nehmen, wenn er/sie für dieses Bedürfnis verhöhnt wird? Wenn es z.B. am Arbeitsplatz überhaupt nicht die Möglichkeit gibt, im Arbeitsablauf eine halbe Stunde zu pausieren und den Brief vom Chef oder die Mails so lange liegenzulassen? Oder den Arbeitsraum zu verlassen, weil die Stimmung der KollegInnen oder der Lärm gerade am überkochen ist? Oder das Kind einfach schreien zu lassen, weil ich als hochsensible Mutter gerade an meine Grenzen gekommen bin?

Nein, so einfach ist es leider nicht und genau deshalb braucht es auch dringend die Sensibilisierung der Nicht-Hochsensiblen - mindestens dafür, dass es Hochsensible gibt und dass deren Wahrnehmungen und Bedürfnisse durchaus wegweisend für alle Mitmenschen sein können.

 

Ich freue mich auf die nächsten Medienbeiträge und die Entfaltung einer engagierten und kooperativen Diskussion in unserem Lande, nicht nur damit Hochsensible ihrer eigene Hoch-Sensibilität bewusst werden können, sondern auch um Nicht-Hochsensible wieder an ihre eigene innere Sensibilität heranzuführen und diese Fähigkeit als elementaren Grundbaustein eines friedvollen und ehrlichen Miteinanders in unserer Gesellschaft zu etablieren. ©

 

Ihre / Eure Cordula Roemer